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Complementary Reflection, African Philosophy and General Issues in Philosophy |
Franz Gmainer-Pranzl
»… anything that exists serves
a missing link of reality ...«
zu: Innocent Izuchukwu Asouzu:
The Method and Principles of Complementary Reflection in and beyond African
Philosophy
Interkulturellem Philosophieren
ist grundlegend vor Aufgabe gestellt, in einer von asymmetrischen
Machtverhältnissen, eindimensionalen Wirtschaftsinteressen und kulturellen
Hegemonieansprüchen geprägten Welt Möglichkeiten menschlicher Verständigung und
sozialer Praxis aufzuweisen – und zwar von einem (zumindest regulativ
gegebenen) Horizont authentischer »Universalität« her. Dass eine solche
»Universalität« nicht einfach vorgegeben, sondern stets neu aufgegeben ist, macht die Mühe und
Befremdung interkulturellen Philosophierens aus. Ein interessantes und
aufschlussreiches Beispiel für einen Ansatz philosophischen Denkens, der diese
Herausforderung annimmt, stellt die vorliegende Studie des nigerianischen
Philosophen Innocent Izuchukwu Asouzu dar, der an der Universität von Calabar
lehrt. Schon
seine Veröffentlichung »Effective
Leadership and the Ambivalence of Human Interest. The Nigerian Paradox in a
Complementary Perspective« (2003) weist auf das Prinzip der Komplementarität
hin, das für Asouzu den Schlüssel für eine sach- und kontextgerechte Form von
Philosophie in der »globalisierten« Welt darstellt: »Here, complementary
reflection is understood as an attempt at doing philosophy in a manner that
enables us overcome the limitations the ambivalence of our existential
situations place on the mind as to grossly impair its capacity to perceive and
comprehend reality clearly and authentically« (10).
Im ersten Teil (General Matters of Complementary Reflection,
27-94) entfaltet der Autor seine philosophische Grundüberzeugung: »The
philosophy we envisage is not inherently rejectionist and divisive. It is a
philosophy of categorisation, sorting, harmonisation, pairing-up, and
complementation« (39). Gemeint ist mit »Komplementarität« nicht eine synkretistische Vermischung
unterschiedlicher Lebensformen, Denkansätze und Kulturen, sondern eine bewusste
Auseinandersetzung mit der Pluralität der Welt: »In complementarism, the mind
focuses on the immense possibilities the multidimensionality of our world has
to offer us« (47). Asouzu vertritt den Ansatz der »complementary reflection«
als Gegenthese zu einer anthropologischen Grundeinstellung, die er als »the
natural law of self-preservation« (54) bezeichnet; dieser »egoistische Instinkt«
führt in allen Kulturen (so auch in den traditionellen und gegenwärtigen
afrikanischen Gesellschaften) zu Asymmetrien, Exklusivismen und Ausgrenzungen,
denen eine gewaltige Täuschung zugrunde liegt, nämlich »the universal illusion
and indeed fallacy of ›the nearer the better and the safer‹ to which all of us
as human beings are susceptible« (70). Gegen diese Einstellung, die vor allem
in den afrikanischen Identitätsideologien der Entkolonialisierungsphase wirksam
war (z. B. »negritude«, »autenticité«, »communalism«, »ubuntu«), ist zu
betonen, dass »Exklusivität« als regulative Idee und nicht als verfügbare
Kategorie zu verstehen ist; sie ist »the ultimate unity provided in the idea of
being as the anticipated comprehensive result of all mutual complenentary
enrichments« (73).
Die Überwindung
identitätsfixierter Denkformen verdankt sich der Einsicht in die Bedürftigkeit,
Offenheit und Fragmentarität menschlicher Kulturen. Die Etablierung eines von
komplementärer Reflexion initiierten Paradigmas philosophischen Denkens lässt
sich durch eine These zum Ausdruck bringen, die im vorliegenden Buch als
philosophische Kurzformel refrainartig wiederkehrt: »… anything that exists serves a missing link of reality« (101). Nicht
der konkurrenzierende Ausschluss unterschiedlicher Sichtweisen, sondern die
inklusive Einbeziehung aller
Elemente, Ansätze und Denkformen ist Ausdruck einer philosophischen
Lebenshaltung, wie sie auch dem traditionellen afrikanischen Denken entspricht:
»The type of complementary experience that unifies the traditional African and
the traditional Igbo in particular, to the world can be described as that of a
transcendent complementary unity of consciousness. […] For the traditional Igbo
thinker, all units are important as aspects of missing links of reality«
(106f). Die
Charakteristik dieses »komplementären Denkens« in der Tradition Afrikas sowie
dessen Konsequenzen für gegenwärtiges Philosophieren sind Thema des zweiten
Teils (The Ambience of Complementary
Reflection, 95-268) dieses Buches. An mehreren Beispielen verdeutlicht
Asouzu, dass die »Komplementarität« des Denkens nicht als Gleichgültigkeit zu
verstehen ist, sondern als Fähigkeit, mit der Vielfalt der kulturellen und
gesellschaftlichen Realität umzugehen. So bedeutet etwa »Toleranz« schon im
traditionellen afrikanischen Denken »a positive integrative idea of close union
between beings of heterogeneous backgrounds« (156), und die hier vorausgesetzte
Form von »Relativität« ist – im Kontrast zum Paradigma westlich-postmodernen
Denkens – »not one of anything goes […], it is rather a form of relativity
deeply founded on the principle of non-contradiction« (163). Letztlich meint
»complementary reflection« einen Denkweg, der sich auf einen radikalen
Veränderungsprozess einlässt – aus der Logik der Eigeninteressen heraus zu
einer verantwortlichen Haltung, die auf das Gemeinwohl zielt: »This is the
process through which individuals and human societies, at large, seek to
reposition minds in a way that makes it possible for them to anchor always
their interests on the dictates of the common good within a universal
complementary harmonious framework« (251f). Nur wer eine solche komplementäre Haltung einnimmt, hat –
wie Asouzu mit einem kritischen Seitenblick auf manches postkoloniale Pathos
anmerkt – wirklich »Unabhängigkeit« erlangt: »Independence is therefore not
merely a ceremonial nostalgic affair that ends with hoisting of flags and
making of big speeches. A nation is independent the moment this nation is in a
position to focus comprehensively on those ideals that drive its
self-determination and mobilises its resources towards realising them« (265).
Überlegungen zu einer
Kriteriologie komplementären Denkens liefert der dritte Teil von Asouzus
Untersuchung (Reformulation of the
Principles and Method of Complementary Reflection, 269-434). Grundlegend
sind die Prinzipien der »Integration« und »Transformation«, die deutlich
machen, was es heißt, »that anything that exists serves a missing link of
reality«: Es geht darum, mit den Begrenzungen, Widersprüchen und Fragmenten des
persönlichen und sozialen Lebens so umzugehen, dass sich aus der Konfrontation
mit dieser Wirklichkeit ein größerer
Horizont erschließt. Asouzu formuliert diesbezüglich einen »komplementären
Imperativ«, den er in die originelle Formel fasst: »Allow the limitations of
being to be the cause of your joy« (273). Nicht in der Konkurrenz,
sondern in der Kohärenz besteht die
Logik komplementären Denkens: »Any unit that seeks to be completely isolated
from all the components of which a system is constituted, in a way that
suggests that it negates the relativity of its being and in a way that is
devoid of a referential and anticipatory future, acts contrary to its nature«
(280). Von daher erweist sich die Fähigkeit zur Integration und zur »Relativierung«
exklusiver Größen als Voraussetzung echter »Universalität«: »We can then say
that authentic existence subsists in the ability of the mind to experience
missing links of reality consciously in a unified, universal, whole and
comprehensive manner in view of the totality that gives them their unity and
legitimacy« (295). Auch für das Selbstverständnis philosophischen Denkens hat
diese »komplementäre Konversion« Folgen: »A worldview or a philosophy is in the
measure authentic as it seeks to relate missing links to each other in the most
comprehensive, universal and future referential way possible« (330). Spätestens hier wird
deutlich, dass Asouzu den Ansatz der »Komplementarität« nicht als einen –
wenngleich wichtigen – Sonderzweig der Philosophie versteht, sondern als
Fundament eines gelingenden Miteinanders von Menschen und Kulturen, ja als
Garant von Humanität überhaupt: »One can then say that the level of humanity
and civility within any given society depends on the level of goodwill in
complementarity that is present. It further depends on the ability of all concerned to
transcend themselves in the experience of transcendent complementary unity of
consciousness in a universal, total, comprehensive, and future referential
manner« (376).
Inwiefern ein »komplementär«
ausgerichtetes Denken auf globaler Ebene relevant ist, behandelt der
abschließende vierte Teil (Complementarity
on a higher plane and the global imperative, 435-490). Asouzu plädiert für
eine Lebens- und Denkform, die immer wieder Selbstbezogenheiten aufsprengt,
kulturelle Triumphalismen und exklusives Gruppendenken zurückweist und globale
Bildungsprozesse fördert: »The global literacy is a challenge to participate
more fully in the richness provided by all the unexpected, different, confounding,
and new insights that our world is capable of providing us« (462). An oberster
Stelle steht der Wert des Lebens, der auch in aller Entfremdung und
(scheinbaren) Sinnlosigkeit nicht verloren geht: »Nothing can be as unorthodox,
absurd, ignorant, illiterate, and uneducates within a context where each person
values his life and the right to dignified existence dearly. The sacredness of
human life is beyond all ideological equivocations« (466). Die vorliegende
Darstellung mündet in ein Bekenntnis zur Offenheit als philosophischer
Grundhaltung und zur Bereitschaft, die eigene Weltsicht »komplementär« in einen
größeren Horizont einzufügen, dessen Anspruch partikuläre Interessen und
Positionen übersteigt: »Thus, complementary reflection is a philosophy of openness
about what we consider true or objective. It is the courage to retract
our positions in the face of better insight in total commitment to truth in a
future referential perspective« (473).
Die vorliegende Studie von
Innocent Izuchukwu Asouzu ist eine kritische Auseinandersetzung mit
ethnophilosophischen Tendenzen – sowohl mit Blick auf traditionelle
(afrikanische) Formen von Gruppenideologien als auch auf koloniale und
universalistische Machtstrategien des Westens in der Gegenwart. Das Plädoyer
für einen integrierenden, komplementären Umgang mit anderen bzw. fremden
Dimensionen des Lebens ist zweifellos zu begrüßen und entspricht den
Grundanliegen interkulturellen Philosophierens. Auch der Appell zur
»Transformation« der eigenen Interessen in eine Haltung der Verantwortung, die
(wenigstens tendentiell) auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, kann nur begrüßt
werden. Fraglich bleibt, ob dem Einspruch des Kritischen, des Nichtidentischen,
auch des Kontradiktorischen im Rahmen einer »komplementären« Denk- und
Lebensform nicht doch eine höhere Bedeutung zukommt, als dies Asouzu mit seiner
hohen Favorisierung des Kohärenzkriteriums gelten lässt. Was bedeutet etwa die
Aussage, »that complementary reflection considers every fragmented moment of
historical existence as an indispensable unit towards understanding the
totality of reality« (286), in einem gesellschaftlichen Kontext, der von
Machtmissbrauch, Korruption und Menschenrechtsverletzungen geprägt ist? Wäre es
hier nicht wichtiger – und richtiger –, solche »Fragmente« menschlichen Lebens
als Widerspruch zur »totality of
reality« anzusehen – und nicht als »unit«, das in eine größere Einheit
eingefügt wird? Müsste nicht »Komplementarität« gerade auch das
Nicht-Komplementäre, das bleibend Widersprüchliche, das Negative und
Nicht-Integrierbare als entscheidende, lebensbedeutsame Erfahrung anerkennen?
Aber diese Fragen sind letztlich nicht an Asouzus Werk allein zu richten – das
als im Übrigen als herausragender Beitrag (auch) zur interkulturellen
Philosophie zu würdigen ist –, sondern an alle Ansätze, die das »Andere« oder
»Fremde« zu »verstehen« versuchen.
Innocent Izuchukwu Asouzu:
The Method and Principles of
Complementary Reflection in and beyond African Philosophy.
University of Calabar Press,
Calabar (Nigeria) 2004.
ISBN 978-007-124-5, 533
Seiten.
»The new world order is not
one of ill-conceived disjunctive reasoning based on exclusive claims. It is a
world of complementarity after the model of a system whose diverse parts must
work harmoniously for the ordered functioning of the whole« (81).
»Complementary reasoning is
about the harmonisation of fragmented world immanent historical experiences in
a manner that conveys authenticity to them« (277).
»One of the greatest tragedies
of human existence is the inability of the human mind to comprehend the
richness of complementary existence as a condition of authenticity. Whenever we
negate complementarity we indirectly also negate the universal, total and
comprehensive and future referential dimension of history« (301).
»The moment we are able to
articulate our subjectivities beyond the demands of our personal interests and
within the context of their complementarity and future referentiality that is
the moment also that things would start to assume completely new dimensions«
(475).